Kein Aprilscherz!

der uns in der Stiftung Wildstation Landshut am 1. April beschert wurde.

Für einen schlechten Scherz gehalten aber hat das Steinadlerweibchen vielleicht, was mit ihm an diesem Tag geschah. Verletzt und flugunfähig vom Wildhüter geborgen und in die Stiftung Wildstation nach Utzenstorf gebracht, konnte es nach nun einwöchiger Therapie wieder in die Natur zurückkehren.

Der für die Region zuständige Wildhüter Ruedi Kunz war von Frau Gabi Speck, Projektleiterin Umweltbildung im Naturpark, zu einem besonderen Fall gerufen worden: In einem Waldstück, im Naturpark Diemtigtal, läge ein Steinadler und könne nicht wegfliegen. Auf dem Abendspaziergang hatte sie das hilflose Tier auf dem Rücken liegend entdeckt. Wird der «König der Lüfte», in diesem Fall ein mehrjähriges Weibchen, erst einmal in solch schlechtem Zustand aufgegriffen, handelt es sich immer um einen Notfall. Normalerweise lassen sich die imposanten Greifvögel mit wehrhaften Krallen und einer Flügelspannweite von über 2 Metern nicht einfach von einem Menschen «einsammeln». In diesem Fall war also Eile geboten, ein medizinisches Problem war anzunehmen und je nach Ursache, kann nur die schnelle Behandlung das Leben des Tieres retten.

Obwohl er als der Charaktervogel der Alpen gilt, ist der Steinadler doch nicht allzu häufig anzutreffen. Die hierzulande lebenden 350 bis 360 Paare werden in der Roten Liste als verletzlich ausgewiesen und machen etwa ein Viertel der Gesamtpopulation dieser Adlerart aus – somit obliegt uns in der Schweiz auch eine besondere Verantwortung zum Schutz dieser Vögel.

So geschah es denn auch. Der Wildhüter entschied schnell und umsichtig und brachte das Tier nach Utzenstorf in die Wildstation. Sogleich wurden alle Untersuchungen, vor allem die des Blutes eingeleitet. Leider hatten wir die Befürchtung, dass die Schwäche, die Verkrampfung und die Anzeichen, die auf eine Beteiligung des zentralen Nervensystems hinwiesen, durch eine Bleivergiftung entstanden sein könnten.

Blutproben wurden sofort verschickt und das Adlerweibchen mit Notfalltherapie in unserer Intensivstation untergebracht und überwacht.

Nebst einer Bleivergiftung, bei der sich die Greifvögel über Bleireste im Aas vergiften, können natürlich auch Unfälle oder Infektionen, z.B. nach einem Revierkampf, zu ähnlichen Krankheitsanzeichen führen.

Das Adlerweibchen schien unverletzt, nur einige kleine Schrammen liessen die Vermutung zu, dass es sich auch um einen Unfall gehandelt haben könnte, in dessen Folge der Vogel eine Art «Gehirnerschütterung» erlitt.

Nach zwei Tagen hatte sich das schöne Tier soweit erholt, dass es in die 300 m2 grosse Flugvoliere auf dem Gelände der Wildstation umziehen konnte. Mit einem Ring versehen, der bei einem allfälligen Wiederfund dieses Tier identifizieren würde, nahm sie sogleich Anlauf und wir waren sehr erleichtert zu sehen, dass sie wieder flugfähig war. Die Resultate der Blutproben liessen uns aufatmen: eine Bleivergiftung wurde ausgeschlossen. Die Hinweise verdichteten sich, dass das Weibchen, vielleicht während der Balz, einen Unfall erlitten hatte.

Nach einigen Tagen guter Fütterung und Stabilisierung war nun der Weg frei für die «Heimreise» ins angestammte Revier. Steinadler sind monogam und bewohnen ihre Reviere ganzjährig und lebenslang. Daher ist es auch ganz wichtig, dass dieses Weibchen so schnell wie möglich wieder zurückkehren kann – nun, zum Beginn der Brutzeit.

Jeder Patient, der geheilt in die Natur zurückkehren kann, ist ein Erfolg für die Tierwelt und für uns als «Wildtierspital». Über 2'000 einheimische Wildtiere – krank, verletzt oder verwaist – werden jedes Jahr nach Utzenstorf, BE gebracht. All jene Tiere werden hier von Fachpersonen betreut, denn die Behandlung von über 115 Tierarten jährlich erfordert nicht nur eine erhebliche Logistik (Vorhalten von verschiedenen Volieren, Intensivbetreuungsabteilen und Gehegen, spezifische Einrichtung der Volieren und das jeweils benötigte Material dafür, das richtige Futter), sondern auch das nötige Fachwissen der Zoo- und Wildtierpfleger, der Zoologin und der beiden spezialisierten Tierärzte.

Als rein spendenfinanzierte Stiftung sind wir auf die Hilfe der Menschen angewiesen, denn diese Arbeit wird nicht von öffentlichen Stellen finanziert. Gerade in dieser Zeit wird es für uns sehr schwierig werden, die nötigen Spendengelder einzuwerben.

Dieser Steinadler steht als Beispiel dafür, dass es sehr schätzenswert ist, wenn sich die Menschen um die heimische Tierwelt – und somit um ein Stück der Natur vor unserer Haustür – sorgen und bemühen, diese Patienten melden oder zu uns bringen. Es zeugt von grossem Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung gegenüber der Natur. Wir hoffen, dass dies – so wie unserer Arbeit in Utzenstorf – auch zukünftig möglich sein wird…

Oder gerade deshalb, weil vielleicht im Zuge der «Corona-Krise» die eine oder andere Überlegung zum Lebenswandel in unserer westlichen Welt aufkommen könnte…

Wir sind auf Ihre Unterstützung angewiesen: wenn Sie uns eine Spende zukommen lassen möchten, ist dies via PC-Konto 60-564624-5 möglich.

Ihr Team der Stiftung Wildstation Landshut

© Text: Dr. med. vet. Ulrike Eulenberger, Stiftung Wildstation Landshut

© Fotos: Stiftung Wildstation Landshut