Merkblatt «Jungvögel»

Wann ist die Hilfe für Jungvögel wirklich angezeigt?

Um diese Frage zu beantworten, benötigen wir zunächst einige Kenntnisse über die Lebensweise unserer einheimischen Vogelarten.

Man unterscheidet bei den geschlüpften Vogeljungen zwei unterschiedliche Entwicklungswege: die Nestflüchter und die Nesthocker.

Nestflüchter

Zu den Nestflüchtern zählen alle Gänse, Enten und Hühnerartigen. Diese Jungvögel schlüpfen bereits mit offenen Augen und voll ausgebildetem Daunenkleid. Sie sind sogar in der Lage, den Eltern zu folgen und selbständig Nahrung aufzunehmen. Die elterliche Fürsorge beschränkt sich daher auf Wärme, Führung und die Verteidigung gegen Feinden.

Nesthocker

Zu den Nesthockern werden alle Greifvögel, Eulen, Störche, Reiher, Rabenvögel, Spechte sowie alle Singvogelarten gezählt. Frisch geschlüpft sind diese Jungtiere nackt und blind, verbleiben die ersten Wochen im Nest. Die Aufzucht stellt für die Altvögel einen erheblich grösseren Aufwand dar. In dieser Phase der Entwicklung sind die Jungvögel auf Wärme und Nahrung der Eltern angewiesen. Durch den gut ausgebildeten Verdauungstrakt wird ein schnelles Wachstum erreicht. Dem Nestling wächst in den nächsten Tagen ein Daunenkleid, auch wachsen Flügel und Beine heran.

Vom Nestling zum Aestling

Es kommt der Tag, an dem der Platz im Nest zu eng wird: noch bevor sie richtig flugfähig sind, hüpfen die Jungvögel aus dem Nest. Die Nestlinge werden nun zu Aestlingen, sitzen auf Bäumen und Sträuchern in der Nähe ihres Aufzuchtnestes und werden nach wie vor von den Altvögeln betreut – gefüttert und beschützt. Gut zu erkennen sind sie an ihren farbigen Schnabelwülsten, die eine animierende

Wirkung auf das Fütterungsverhalten der Altvögel haben. Dies stellt eine wichtige Entwicklungsphase für die Jung- vögel dar, da sie die Bewegungsreize auf ihre Nahrung am Boden und in der Hecke zwischen den Aesten (daher der Name «Aestling») erlernen. Der Jungvogel entwickelt parallel auch seine Flugfähigkeit: der Jungflatterer wird zum Flieger.

Also erfreut Euch am Beobachten der lebensnotwendigen Entwicklungswege der Jungvögel und «Hände weg» von diesen vermeintlich «verwaisten» Tieren!

Denn entnimmt man einen gesunden Jungvogel der Natur, wird seine Entwicklung unterbrochen und seine Überlebenschancen sinken rapide.
 

Kommen wir nun auf die Frage zurück:

Wann benötigt ein Jungvogel wirklich Hilfe?

Dies ist der Fall, wenn der Vogel durch Zerstörung des Nestes oder tödlich verunglückte Altvögel wirklich in Gefahr ist. Trifft man einen Jungvogel ungeschützt auf der Strasse, im Regen oder bedroht von einer Katze, setzt man ihn in der Nähe des Fundortes auf die Aeste einer Hecke oder eines Baumes. Beobachten Sie den Jungvogel aus ca. 50 Metern Entfernung für ca. eine Stunde. Kommen die Eltern nicht zurück, um die Versorgung sicherzustellen, sollte man den Vogel in Obhut nehmen und eine Fachstelle, z. B. die Stiftung Wildstation Landshut, kontaktieren. Wir nehmen die Vögel gern zur fachgerechten Aufzucht und Auswilderung entgegen oder beraten Sie über eine geeignete Station in Ihrer Nähe.

Die Versorgung und Aufzucht von Wildtieren ist aufwendig und bedarf bestimmter Voraussetzungen (Unterbringung, artspezifisches Futter). Von einer Aufzucht zu Hause muss aus diesen Gründen – aber auch aus rechtlicher Sicht – abgeraten werden. Abgesehen von einer kurzfristigen Be- treuung eines Notfalles (bis zum Kontakt einer geeigneten Pflegestation) ist die Haltung von Wildtieren in Privathand nur mit Sonderbewilligung durch die kantonalen Veterinärbehörden erlaubt.